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Al-Boom

Kämpfen im Neuland

 

Das Ergebnis der Wahlen zum Föderalen Nationalrat (Federal National Council) der Vereinigten Arabischen Emirate fällt für die weiblichen Kandidatinnen ernüchternd aus: Nur eine von ihnen hat es geschafft, unter die 20 gewählten Abgeordneten zu kommen – genauso wie bei den letzten Wahlen 2006. Die neu gewählte Abgeordnete Sheikha Al Ari hat dabei eine ungewöhnliche Methode gewählt: nichts tun. Ein Bericht über die verschlungenen Wege der emiratischen Frauen zu mehr politischer Macht.

Von Tina Srowig

 

Sheikha Eisa GhanemSheikha Al Ari


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Sheikha Al Ari schreibt gerade Geschichte. Sie ist die zweite Frau überhaupt, die als Abgeordnete in den Federal National Council (FNC) der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) gewählt wurde. Von den 85 weiblichen Kandidatinnen für die Wahlen 2011 ist sie die einzige, die es in den FNC geschafft hat. Falls sie das in irgendeiner Weise bemerkenswert findet, lässt sie sich davon nichts anmerken. Ruhig sitzt sie im Sessel und erklärt: „Seit dem Zeitpunkt meiner Kandidatur war ich überzeugt, dass ich gewinnen würde.“ Ihrer Meinung nach kommt es nicht darauf an, ob ein Kandidat Mann oder Frau ist, sondern was er in der Gesellschaft geleistet hat.

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Die 40-Jährige arbeitete bisher als Lehrerin und Schulleiterin in Umm Al Qaiwain, dem kleinsten der sieben Emirate mit knapp 60.000 Einwohnern. „Ich habe nie geplant, politisch aktiv zu werden. Aber alle haben mich darum gebeten, zu kandidieren, also habe ich kandidiert.“ Auch einen Wahlkampf fand sie dabei überflüssig. „Kampagnen sind für Leute, die in der Gesellschaft nicht bekannt sind. Ich komme zwar aus dem kleinsten Emirat, aber die Leute kennen mich dort. Ich habe ihnen gesagt: Wenn ihr meint, ich sei die Richtige, dann stimmt für mich ab.“ Als Frau und ohne Wahlkampf hat sie in ihrem Emirat mehr Stimmen als alle anderen Kandidaten bekommen – damit ist sie in jeder Hinsicht ungewöhnlich.

Hindernisse auf dem Weg zu mehr Macht

Das klingt wie ein Märchen. Aber märchenhaft ist das Leben für viele Frauen in den Emiraten nur auf den ersten Blick. Zwar schwelgen viele im Luxus, besitzen I-Phones und Blackberrys mit Goldrand, werden im neuesten BMW chauffiert und tragen zu ihren Abayas, den langen schwarzen traditionellen Gewändern, Gucci-Taschen und Schuhe von Christian Louboutin. Aber dass sie den BMW selbst fahren, wird in einigen Familien immer noch nicht gern gesehen. Dass unverheiratete Frauen alleine in eine eigene Wohnung ziehen, ist undenkbar. Das alles können Hindernisse sein auf dem Weg zur Macht. „Diejenigen Frauen, die in einflussreiche Positionen gelangen wollen, müssen sehr hart dafür kämpfen“, sagt die Anwältin und Journalistin Diana Hamade.

Aus ihrer eigenen Erfahrung kann sie sagen, wie schwer es war, als Anwältin akzeptiert zu werden. „Viele Richter sehen uns als Eindringlinge. Sie fragen sich: Warum sind Frauen Anwältinnen? Männer können das doch viel besser.“ In der emiratischen Politik sieht Diana Hamade ähnliche Schwierigkeiten für Frauen. Für die Zeitung „The National“ hat sie die Wahlen zum FNC beobachtet. Ihr Fazit: „Die Wahlen haben gezeigt, dass wir immer noch in einer Gesellschaft leben, die von Männern dominiert wird.“ Diana Hamade hält Frauenquoten im Parlament daher für unbedingt notwendig, weil die Frauen sonst kaum die Möglichkeit haben, politische Erfahrung zu sammeln.

So unterschiedlich Sheikha Al Ari und Diana Hamade die Lage der Frauen in der emiratischen Politik einschätzen, in einem Punkt sind sie sich einig: Die Regierung der VAE tut viel, um Frauen in der Politik zu fördern und das Image eines frauenfreundlichen Landes zu pflegen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Wahlen von 2006: Unter den 20 Abgeordneten, die die Regierung in den FNC ernannte, waren acht Frauen. Unter den 20 Abgeordneten, die die Bevölkerung in den FNC wählte, war dagegen nur eine Frau.

Warum so wenige Frauen als Abgeordnete gewählt werden

Die Gründe für eine geringe Frauenquote in der Politik sind also eher in der Gesellschaft und den Traditionen der VAE zu suchen. Allerdings sind es nicht nur die Männer, die weiblichen Kandidatinnen weniger zutrauen. Auch viele Frauen in den Emiraten finden es besser, wenn Männer die politischen Entscheidungen treffen. Sie halten Frauen für emotional oder bemängeln, dass sie zu wenig Erfahrung in der Politik haben. Einige Kandidatinnen wollten im Wahlkampf ihre Gesichter nicht auf Plakaten zeigen; so blieben sie für viele Wählerinnen und Wähler im wahrsten Sinne des Wortes „profillos“.

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Gerade für die Frauen, die in der Gesellschaft weniger bekannt sind, wäre daher ein strategisch geplanter Wahlkampf notwendig gewesen, um unter den fast 500 Bewerbern hervorzustechen. Diesen Punkt betont auch Fatima Hamad al Mazrouei. Sie ist vierfache Mutter, Professorin für Arabisch und gehörte zu den acht Frauen, die von der Regierung 2006 in den FNC ernannt wurden. Sie fordert, dass die Kandidatinnen selbst mehr tun müssen, um bekannter zu werden. “Vielen Frauen fällt es schwer, öffentlich mit Männern in Kontakt zu treten. Das müssen sie überwinden.”

Fatima al Mazrouei bedauert, dass sie im FNC nicht mehr Einfluss auf die Regierungsarbeit nehmen konnte. Der FNC kommt etwa ein- bis dreimal im Monat zu Sitzungen zusammen und ist nur beratend tätig. „Manchmal erwarten die Medien und die Gesellschaft zu viel vom FNC. Wir können keine eigenen Entscheidungen treffen, sondern nur Vorschläge machen. Trotzdem haben wir schon einiges erreicht. Zum Beispiel, dass Witwen stärker finanziell von der Regierung unterstützt werden.“

Blick in die Zukunft

Obwohl also noch ein weiter Weg vor den Frauen liegt, bis sie mehr politische Macht erreichen, darf man nicht aus dem Blick verlieren, welch rasante Entwicklung das Land bereits genommen hat. Die Historikerin und Politikwissenschaftlerin Frauke Heard-Bey ist eine der renommiertesten Wissenschaftlerinnen für die gesellschaftliche Entwicklung der Region. Die 70-Jährige folgte 1967 ihrem Mann, einem britischen Ingenieur, nach Abu Dhabi und erinnert sich an die erste Zeit: „Damals fragten mich die emiratischen Frauen: Wie viel hat dein Mann für dich bezahlt? Sie bedauerten mich, dass ich arbeiten musste und waren mit ihrer Rolle als Hausfrau zufrieden. Das hat sich inzwischen natürlich dramatisch geändert.“

Frauen in einflussreichen Positionen zu akzeptieren, falle jeder Gesellschaft schwer, sagt Frauke Heard-Bey. Doch gerade in den letzten Jahren habe sich die Wahrnehmung von Frauen im öffentlichen Leben in den Emiraten stark gewandelt. Derzeit sind beispielsweise zwei Drittel der emiratischen Studenten weiblich. Die Frauenquote ist unter anderem so hoch, weil viele Männer im Ausland studieren. Je besser die Bildung der Frauen ist, desto stärker fordern sie ihre Rechte ein. „Das wird sich in den nächsten Jahren noch mehr verstärken und sich hoffentlich auch bei den nächsten Wahlen abzeichnen“, sagt Frauke Heard-Bey. Entscheidend dafür wird unter anderem sein, wie Politikerinnen ihre Rolle ausfüllen und ob sie ein gutes Vorbild für andere Frauen abgeben. Das Modell von Sheikha Al Ari scheint allerdings nicht mehrheitstauglich zu sein. Bis ihnen eine Kandidatur angetragen wird, müssten die meisten Frauen wohl bis zum Sankt Nimmerleinstag warten.

Kategorie: Politik |

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