deutsch   عربي   
Al-Boom

“Wir brauchen eine neue Kultur-Produktions-Kultur”

Abu Dhabi will sich mit dem Projekt “Saadiyat Island” als kulturelles Zentrum der arabischen Welt etablieren. Auch in Dubai gab es hochfliegende Pläne für kulturelle Einrichtungen, doch die Finanzkrise machte dem Emirat einen Strich durch die Rechnung. “Gut so”, sagt der Kulturschaffende Mishaal Al Gergawi, obwohl die Auflösung der planenden Behörde auch ihn seinen Job gekostet hat. Den Umgang mit Kultur in den Vereinigten Arabischen Emiraten sieht er äußerst kritisch.

Ein Interview von Jasmin Off

Hier geht’s zum arabischen Artikel.


Mishaal al-Gergawi
Herr Gergawi, die Pläne der Kulturbehörde in Dubai klingen in unseren Ohren aberwitzig. War es nicht absehbar, dass diese Projekte scheitern würden?

Naja, als die Behörde 2008 gegründet wurde, herrschte in Dubai das Gefühl vor, dass man zwar eine unglaubliche, einzigartige wirtschaftliche Entwicklung vorzuweisen hat – aber parallel wollte man auch kulturell mithalten können mit den anderen Großstädten der Welt. Und ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass es nicht genügt, wenn die Bewohner einer Stadt morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, einkaufen und abends wieder nach Hause gehen. Jede Stadt braucht ein vielfältiges soziales und kulturelles Angebot; das macht die Stadt erst attraktiv, definiert ihre wahre Seele.

Warum sind die Projekte dann gescheitert? Lag es allein an der finanziellen Lage?

Ja, in der Tat. Die Wirtschaftskrise hat uns stärker getroffen, als wir gedacht hatten. Wir fanden keine Investoren mehr und mussten die Projekte einstellen. Ich würde daher ungern davon sprechen, dass die Projekte oder das Vorhaben an sich gescheitert sind. Die finanzielle Situation hat uns einfach einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Wie geht es denn jetzt mit den Projekten weiter?

Natürlich wird die Kulturförderung weitergehen. Allerdings sollte man sich auf wesentliche Projekte konzentrieren. Warum eigentlich fünf Museen und nicht nur eines? Meiner Meinung nach war die Finanzkrise in dieser Hinsicht ein wahrer Segen – zumindest für die kulturelle Entwicklung in der Region. Die Zeit der Krise hat es uns erlaubt, in Ruhe und überlegt Strukturen für Kulturförderung aufzubauen und mehr über Inhalte als nur die Form der Darstellung von Kultur nachzudenken.

Davor war alles, was zählte, die Geschwindigkeit, mit der neue Projekte entstanden: Hier schnell ein monumentaler Bau und noch einer – und irgendwann haben wir nicht mehr reflektiert, wie öffentlicher Raum eigentlich klug für Kultur genutzt werden kann und vor allem, welche nationale Identität zugrunde liegt. Durch die Krise und die dadurch bedingten Verzögerungen haben wir mehr Zeit bekommen, substantiell über unser kulturelles Engagement nachzudenken.

Trotzdem plant Abu Dhabi mit „Saadiyat Island“ gerade das nächste Museumsprojekt der Superlative. Hat man also in der Krise doch nicht so viel gelernt?

In Dubai folgte man der Regel: höher, schneller, weiter. In Abu Dhabi hingegen sind diese Projekte langsamer entstanden als in Dubai. Die Pläne für „Saadiyat Island“ wurden im Jahr 2006 verkündet. Und jetzt haben wir 2011 und sehen noch nicht viel von den neuen Museen – die haben sich einfach mehr Zeit genommen für die Entwicklung. Und in der Zwischenzeit gab es auch andere Formen der Kulturförderung in Abu Dhabi. Das Emirat hat zum Beispiel ein Filmfestival auf die Beine gestellt, und die „Emirates Foundation“ bekommt jetzt viel mehr an privaten Spenden als früher. Damit können lokale Künstler besser unterstützt werden, das ist sehr positiv.

Aber letztlich interessiert mich an all diesen Projekten in der Golfregion, egal ob in Dubai oder in Abu Dhabi oder in einem anderen Land, nur eines: Kommt ein großer Anteil der ausgestellten Exponate aus der Region? Womit ich nicht meine, dass alles, was in den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgestellt wird, von Emiratis produziert sein muss – aber von Künstlern, die an der arabischen Kultur interessiert sind. Wir sollten wirklich aufpassen, dass es nicht zu der Situation kommt, dass die kulturellen Einrichtungen hier im Land nur Dinge ausstellen, die wir aus dem Ausland importiert haben. Das wäre nicht gut für unser Land, denn wir müssen unsere eigene Kultur mehr stärken.

Aber dennoch werden etwa das Guggenheim-Museum oder der Louvre in Abu Dhabi hauptsächlich Kunst aus dem Ausland ausstellen?

Es ist enorm wichtig, dass wir zeigen, was andere Kulturen bieten und dies hier ausstellen. So erfahren wir mehr über Asien, Europa oder Amerika. Und wir wollen wissen, wie Künstler dort arbeiten, welche Musiker dort populär sind oder was andere Länder mit dem Begriff Darstellende Kunst verbinden. Das ist entscheidend, um die Welt besser zu verstehen. Aber wir brauchen eine gesunde Balance von ausländischen Exponaten und Kultur aus unserem eigenen Land. Dafür muss sich hier aber noch viel ändern. Wir müssen es schaffen, dass kreative Leute aus dem Ausland hier leben und unsere Kultur erforschen wollen – und nicht nur vorübergehend hier arbeiten und dann zurück in ihre Heimat gehen. Wir brauchen quasi eine neue Kultur-Produktions-Kultur.

Und wie kann man die eigene emiratische Kulturszene stärken?

Im Emirat Sharjah klappt das ziemlich gut, dort gibt es eine lange Tradition in der Förderung von Museen und Theatern. Aber um Kultur zu bewahren, braucht es mehr als ein paar Festival und Events. Man muss Strukturen aufbauen und Künstler unterstützen. Man muss kulturelle Bildung fördern und man braucht ein gewisses finanzielles Polster. Dann können sich die Menschen hier eine Meinung darüber bilden, was kulturelles Erbe für jeden einzelnen bedeutet und wie nationale Identität entsteht. Das kann nicht mit einem Folklore-Tanz in der Innenstadt funktionieren, da braucht es schon ein bisschen mehr.

Liegt in der Kombination von traditioneller arabischer Kultur und dem Import von ausländischer Kultur der Schlüssel zur Entwicklung zum bedeutendsten Kunst- und Kulturzentrum des Nahen Ostens, Asiens und vielleicht der ganzen Welt?

Es ist sicherlich zu früh, um das beurteilen zu können. Im Moment gibt es noch einen großen Konkurrenzkampf zwischen den kulturellen Zentren in der arabischen Welt, allen voran Dubai und Katar. Aber man sieht ja in Europa, dass es auch anders geht. Da existieren die Kunstzentren von Berlin, London und Paris alle nebeneinander. Hier in der arabischen Welt denken wir immer, ein Gewinn für die eine Stadt wird der Untergang der anderen sein. Dabei gibt es genug Kultur für uns alle.

Kategorie: Kultur |

Kommentare sind geschlossen.